# 46 – Einkaufsfahrt

20:13 Uhr, Funkauftrag in der Überseestadt.

Auf dem Display erscheint der Hinweis „Einkaufsfahrt“, gefolgt von einer Liste mit dem was eingekauft werden soll

Taxifahren ist nicht nur Menschen von A nach B bringen, sondern auch andere
Dienstleistungen wie Starthilfe geben, Schlüsselnotdienst, Tiertransporte und eben auch
Besorgungsfahrten.

Diese Besorgungsfahrt ist eine klassische Einkaufsfahrt – meine Einkaufsliste besteht aus 1 Flasche Whiskey sowie 2 Packungen Zigaretten. Der ganze Spaß kostet 24 Euro. Dazu kommt noch der Fahrpreis, der sich auf 10 Euro beläuft.

Nachdem ich diese Dinge besorge, begebe ich mich zu einem der Häuser an der Konsul-Smidt-Straße. Das sind jene mit direkten Weser-Blick, gehobener Ausstattung und Kaltmieten im 4-stelligen Bereich ab 3 Zimmern…

Ich betätige die Türklingel, ich warte … und nichts passiert. Genervt kehre ich zum Taxi zurück und melde, dass mir keiner öffnet. Ich werde gebeten noch etwas zu warten, die Zentrale probiert den Besteller zu kontaktieren. Nach 5 Minuten erhalte ich die Rückmeldung, es nochmal zu probieren.

Diesmal steht die Tür zum Treppenhaus offen, ich fahre mit dem Fahrstuhl in die 3. Etage, gehe zur Wohnung und klingel erneut. Und wieder wird nicht geöffnet. „Was zum Teufel…“ fluche ich und will gerade wieder gehen, als sich just in dem Moment die Tür einen Spalt öffnet.

Ein Mann im Bademantel öffnet mir und mustert mich mit herablassenden Blick. Dann nimmt er wortlos seinen Alkohol und Tabak entgegen und drückt mir gönnerhaft, wie einem kleinem Schuljungen sein Taschengeld, einen 10er sowie 20er Schein in die Hand. Anschließend macht er die Tür zu.

„Was für ein Wichser…“ denke ich mir und klingel erneut. Er öffnet und fragt scharf „Was noch?“ Ich antworte: „Wissen Sie, der Preis für Ihren Einkauf beträgt 24 Euro, sowie 10 Euro Fahrpreis. Es fehlen also noch 4 Euro. Und außerdem, möchte Ich Sie gern darauf hinweisen, dass wenn man etwas bestellt…

RUMMS, die Tür geht mit einem Knall zu. Nach wenigen Augenblicken öffnet er wieder, schmeißt mir einen 5er auf den Boden und schließt erneut die Tür.

Jetzt bin ich Stocksauer. Du arrogantes, neureiches Arschloch, mit deinem 1500 Euro-Miete-Loft, was du dir doch garantiert mit ehrlicher Arbeit nicht leisten kann. Oder vielleicht hast du geerbt oder reiche Eltern, die dir das einfach so schenken? Und jetzt schmeißt du großkotzig mit Euroscheinen umher und kannst dich nichtmal wie ein Mensch benehmen? Ich verzichte auf dein großzügiges Trinkgeld! Ich klingel erneut um Ihm sein Restgeld zu geben, von dieser Wurst werde ich garantiert und aus Prinzip kein Trinkgeld annehmen.

Er öffnet nicht mehr. Gerne würde ich sturmklingeln, aber ich bin dienstlich hier und nicht privat. Ich lege den Euro in seinen Briefkasten und fahre wieder.

Besucheransturm / Willkommen / In eigener Sache…

Hui, Hui Hui … Gestern erlebte mein Taxiblog einen Besucheransturm: Ich dachte, meine Statistik & Besucherzähler arbeiten fehlerhaft, denn anstatt der üblichen 100 – 200 Besucher, waren es dann gestern sage und schreibe 3500. Wahnsinn.

Über einige Recherchen fand ich dann heraus, dass dies alles nur auf eine Verlinkung
einer Bloggerin aus Bremen zurückzuführen ist – Sie hat meinen Beitrag #43 Fehlfahrt
bei sich verlinkt, dieser wurde dann von zahlreichen anderen Bloggern auf Facebook
und Twitter weitergeteilt.

Die Folge war dann der Besucheransturm und diverse neue Kommentare & Zuschriften.
Ich muss das erstmal sortieren, denn ich finde es schlichtweg krass, was nur eine Verlinkung so alles auslösen kann.

Also, fangen wir mal an:

Hallo und Willkommen neue Leser,
nun ja, das ist ist mein kleiner Taxiblog – Ich fahre seit einigen Monaten hauptberuflich
in Bremen, das ganze in der Nachtschicht, im Zeitraum 18 – 6 Uhr.

Durch das Taxifahren lerne ich ständig interessante und ganz unterschiedliche Menschen
kennen, die man so „im normalen“ Privatleben niemals kennenlernen würde. Keine Schicht ist wie die andere und es ist wirklich sehr spannend, was man so von seinen
Fahrgästen alles mitbekommt, oder anders formuliert: Das Leben schreibt die schönsten Geschichten und das Taxi scheint ein Schnittpunkt zu sein, wo viele Geschichten zusammenkommen

Am schönsten finde ich jedoch die Kontraste, ein typischer Arbeitstag könnte so aussehen: Die erste Tour ist ein Millionär aus Oberneuland, als nächstes kommt
eine Seniorin vom Theaterbesuch, anschließend ein Mensch aus ärmeren Verhältnissen, der in einer Hochhaussiedlung lebt, danach ein „normaler“ Mensch, der nur von der Arbeit schnell nach Hause möchte. Anschließend ein Kneipenbesucher, der einfach zu viel getrunken hat…

Das alles ergibt viel Stoff zum erzählen und da kam mir die Idee, das alles inform dieses Blogs festzuhalten. Anonymität und Diskretion haben trotzdem den höchsten Stellwert – Grundsätzlich sind alle Zeit & Ortangaben verändert und manche Sachverhalte sind verallgemeinert.

Kommen wir nun, zu der Geschichte mit den syrischen Flüchtlingen: Ja, das ganze hat sich so ereignet und um ehrlich zu sein, verstehe ich den „Hype“ in den sozialen Netzwerken nicht. Ich habe so gehandelt, wie es eigentlich jeder normale Mensch tun sollte. Das ganze hat nichts mit „heldenhaftigkeit“ oder „gutmensch“ zu tun. Ich lebe grundsätzlich nach dem Motto: Behandel deine Mitmenschen so, wie du auch gerne behandelt werden möchtest. Es war nun offensichtlich, dass diese Familie in Not war und eine abenteuerliche Reise voller Strapazen und Ängste hinter sich hatte. Der Gedanke, was diese Menschen durchgemacht haben, ist für mich kaum vorstellbar. Wir leben
im friedlichen Deutschland, wir haben es gut. Wir sind weit weg von Krieg und Terror.
Und auch wenn ich nur vom gesetzlichen Mindestlohn lebe, versuche ich meinen kleinen unbedeutenden Beutrag dazu zu leisten, unsere Welt ein bisschen besser zu machen.
Das Leben in unserer kapitalgeilen Konsumgesellschaft, ein bisschen schöner und wärmer zu gestalten. Das ist eigentlich alles. Und doch eigentlich keine große Sache? Einfach nur jemanden zu helfen, der es nötig hat, ohne hierbei an eigene finanzielle Interessen zu denken?

Ich bekomme für diesen Fehlfahrt-Artikel viel Zustimmung dafür, eigentlich mehr als mir lieb ist. Einige Leser haben sich bei mir gemeldet und möchten mir den entstandenen Schaden durch die Fehlfahrt ersetzen. Das freut mich wirklich sehr, aber andererseits ist
es mir unmöglich, euer Geld anzunehmen. Man sollte eine „gute Tat“ (so nennen es viele von euch) nicht auf diese Art honorieren, das würde doch den fatalen Eindruck erwecken, dass das so besonders & selten ist.

Nein, das war nichts besonderes. Es ist halt etwas, was man nicht oft mitbekommt, weil unsere Medien voll sind mit negativen Schlagzeilen. Da geht es um Raubüberfälle, Mord, Lohndumping, Korruption und ungerechtigkeit. Die ganzen guten Taten, werden nicht erwähnt – die ehrenamtlichen Helfer in Suppenküchen, die anonymen Spender, die hart arbeitenden Pflegekräfte in Heimen & Krankenhäusern, die für viel zu wenig Geld Ihr aller letztes geben um Menschen zu helfen. Und dazwischen irgendwo ein kleiner Taxifahrer, der einfach seinen Beitrag leisten will.

Liebe Spender, ich finde es wirklich großartig und nett von euch, dass Ihr mir meine Fehlfahrt ersetzen wollt. Aber bitte nicht auf die Weise. Vielleicht ergibt sich ja mal eine andere Gelegenheit, vielleicht sehen wir uns ja irgendwann im Taxi und da ist mir ein persönliches Gespräch im Rahmen einer Taxifahrt und einem Zwischenstop
mit einer Bockwurst lieber, als so eine anonyme Geldspende.

Wo ich grad beim Thema bin, HIER  kann man mich bestellen 😉

So, das wars von mir, ich werde in den nächsten Tagen wieder etwas mehr bloggen. Der Frühling treibt mehr Menschen auf die Straße und somit auch ins Taxi…

# 45 – Funkauftrag, Fehlfahrt, Schlägerei …

Taxiplatz Sielwall um 23:16 Uhr

Mich erreicht ein Funkauftrag, mit der Adresse „Ostertorsteinweg“. Sowas hasse ich, denn das Risiko einer Fehlfahrt ist bei sowas sehr hoch – das liegt daran, weil auf dieser Straße alle 1-2 Minuten ein Taxi langfährt und nach Winkern ausschau hält.

Ich überlege kurz, ob ich den Auftrag ablehne, aber am Ende überwiegt dann doch die Lust aufs fahren, anstatt dumm am Taxistand rumzustehen.

Nach wenigen hundert Metern komme ich am der Hausnummer an – die sich als Kneipe herausstellt. Sofort steigen 3 Männer ein und ich vermute, dass diese Herren mich eigentlich nicht bestellt haben. Ich frage:

– Auf welchen Namen haben Sie bestellt?

– Name? Was für ein Name?

– Das hier ist ein vorbestelltes Taxi, daher frage ich nach dem Namen

– Nö, wir haben nix bestellt. Fahr mal zum Bahnhof jetzt

– Tut mir leid, ich bin vorbestellt und kann euch nicht mitnehmen.

– Macker, jetzt nerv nicht rum, fahr jetzt zum Bahnhof

– Nehmt ein anderes Taxi…

– Halt die Fresse und fahr!!!

– Sofort aussteigen

Dieser Aufforderung kommen meine Gäste sofort nach. Dummerweise ist von meinen
ursprünglichen Fahrgästen weit & breit nichts zu sehen. Mittlerweile nähert sich ein anderes Grüppchen und fragt mich, ob ich „frei“ bin. Aber auch diese Leute haben nicht vorbestellt. Und wie es der Zufall will, fährt gerade auch kein anderes Taxi die Straße entlang.

Wenige Augenblicke später, werde ich wieder gefragt ob ich frei bin. Das bekommen
die drei Männer mit, die ich rausgeschmissen habe. Sie schalten sich ein:

– Nein, der ist nicht frei, der wartet

– Hab ich mit dir gelabert, was geht dich das an?

– Was machst du mich dumm von der Seite an, willst was auf die Fresse kriegen?

Ein Wort ergibt das andere und so stehen sich 6 Männer auf der Straße entgegen und sind kurz davor sich zu verprügeln. Mir wird das zu blöd, ich gebe „Fehlfahrt“ ein und suche das weite.

Nach wenigen Metern, werde ich herangewunken. Und während ich mit meinen neuen Fahrgästen richtung Neustadt fahre, sehe ich im Rückspiegel, wie auf der Straße eine Schlägerei beginnt…

# 44 – Midlife-Crisis

19:23 Uhr, Funkauftrag nach Lehe

– Guten Abend

– Guten Abend, wohin darf es gehen?

– Zur Glocke bitte!

– Sehr gerne

– Darf Ich Sie mal was fragen? Sie sehen irgendwie nicht aus wie ein Taxifahrer?

– Wie sieht denn ein Taxifahrer aus?

– Naja, irgendwie einfacher. Ich will nicht beleidigend sein, aber das sind meistens
schwarze, südländer oder … naja einfache Leute halt

– Ach naja, das sind doch nur Klischees

– Und Studenten die taxifahren um das Studium zu finanzieren?

– Das ist auch ein Klischee. In Bremen gibts davon nicht viele. Weil man ja erstmal eine Ortskundeprüfung braucht, und dafür lernt man paar Wochen, einige brauchen Monate. Welcher Student hat da Lust drauf? Er kann doch direkt in einer Bar kellnern ohne Prüfung.

– Naja, aber trotzdem sehen Sie nicht aus, wie ein Taxifahrer! Was haben Sie vorher gemacht?

– Ich habe eine kaufmännische Ausbildung

– Und wie kommt man von einem warmen Büro aufs Taxi?

– Keine Ahnung, es hat sich einfach so ergeben. Sowas passiert halt im Leben, zudem
interessiert sich der Arbeitsmarkt nicht für mich oder ich könnte nur über Zeitarbeitsfirmen
eingestellt werden. Unterm Strich kann ich da auch genauso gut Taxifahren und bin damit
tatsächlich flexibler als in einem Bürojob. Und man fühlt sich wesentlich freier als
eingesperrt im Gebäude

– O, das verstehe ich sogar sehr gut. Ich war auch mal Bürohengst, das ist ein scheiß Leben. Irgendwann wurde ich dann Abteilungsleiter und so weiter! Aber ich habe das gehasst! Pünktlich um 8 Uhr hin und um 17 Uhr raus. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Neee…nicht mein Ding! Ich habe von heut auf morgen gekündigt, nach jahrelanger Betriebszugehörigkeit. Zack, einfach so! Meine Firma und meine Familie
hat mich für verrückt erklärt! Aber ich wollte mit 43 mein Leben komplett umkrempeln!

– Oh, das klingt nach Midlife-Crisis!

– HAHA, ja das haben die auch alle gesagt! Aber es war genau richtig gewesen! Denn im zuge meiner Krise hat sich rausgestellt, wer wirklich auf meiner Seite ist und wer nicht.
Und es hat sich rausgestellt, dass meine Frau es nicht ist und lieber mit unserem Nachbarn rumvögelt! Durch meine Krise habe ich viele interessante Einblicke erhalten und umso mehr gelernt. Jeder sollte mal im Leben so was durchmachen! Das ist quasi ein TÜV fürs eigene Leben. Alles auf den Prüfstand stellen und dann ganz klar sehen, was man ändern kann. Eine großartige Sache!

# 43 – Fehlfahrt

Taxiplatz am Hauptbahnhof um 2:07 Uhr.

Ich stehe als 6. in der Taxischlange. Ich beobachte, wie ein Mann mit seiner Familie im Schlepptau versucht ein Taxi zu kriegen. Er scheitert am ersten Kollegen, dann am zweiten, dritten, vierten…

Das ist ist kein gutes Zeichen – wenn so viele Kollegen eine Fahrt abweisen, gibt es wohl
gute Gründe dafür. Nach wenigen Minuten, kommt der Mann dann zu mir.

Er scheint ein Südländer zu sein, er spricht kein Wort deutsch und reicht mir einen Zettel auf dem in krakeliger Schrift eine Straße drauf steht – nur welche? Ich kann es nicht eindeutig entziffern: Steinstraße? Steinsetzerstraße? Steintor? Oder womöglich was ganz anderes? Ich versuche nachzufragen, doch weder deutsch, englisch, noch mein Schulfranzösisch scheinen mich der Antwort näher zu bringen. Dann zückt der Mann ein altes Handy, ruft jemanden an und reicht es mir. Die Person am anderen Ende kann englisch, dafür aber ist der Empfang und seine Aussprache umso schlechter. Ich weiß am Ende immer noch nicht so recht, wohin die Fahrt gehen soll. Ich tippe auf Steinsetzerstraße, das ist eigentlich eine lukrative Fahrt, ABER: Diese Straße liegt in einem Gewerbegebiet, was will dort eine Familie um 2 Uhr Nachts?

Ich entschließe mich diese Fahrt abzulehnen und erst jetzt sehe ich seine Frau und Kinder vor mir: Sie sind ärmlich gekleidet, haben zahlreiche Plastiktüten von ausländischen Supermärkten bei sich und die Kinder haben weder Schuhe und Socken an. Die Frau zittert, sie hat keine Jacke und ist für winterliche Verhältnisse nicht richtig angezogen. Ein Blick auf die Temperaturanzeige verrät mir, dass es 1 Grad ist. Verdammt, ich kann diese Familie doch nicht hier einfach so stehen lassen. Aber was wollen die in der Steinsetzerstraße? Da ist doch nichts? Das riecht förmlich nach Ärger und einer Fehlfahrt. Mittlerweile haben sich die anderen Kollegen in sicherer Entfernung zu mir positioniert, um wie die Geier auf der Stange alles mitkriegen zu können. Sie tuscheln über mich, ich bin mir sicher, dass schon gewettet wird, ob ich so blöd bin die Fahrt anzunehmen.

Ein letzter Blick auf die Familie: Sie scheinen müde zu sein, sie wollen offensichtlich einfach nur weg von hier. Scheiß drauf, ich öffne die Kofferklappe und wir laden Ihre Habseligkeiten ein.

Nach 15 Minuten kommen wir in der Steinsetzerstraße an: Ich schaue mich aufmerksam um, doch wie bereits befürchtet, ist das alles nur ein ausgestorbenes Gewerbegebiet. Ich hatte eigentlich gehofft, dass dort womöglich jemand wartet oder das sich hier irgendwas von alleine ergibt, bzw. das sich die Situation von alleine aufklärt. Doch am Ende bin nur ich und die Familie auf dieser verlassenen Straße. Wir fahren die Straße zwei mal auf und ab, doch es passiert nichts. Mittlerweile steht die Uhr auf 16,20 Euro und ich verfluche mich innerlich, diese Fahrt angenommen zu haben. Wie konnte ich nur so bescheuert sein, wie werde ich diese Familie jetzt los, muss ich am Ende die Polizei rufen und dann
noch weitere 30 Minuten warten, bis alle Formalitäten geklärt sind?

Wir fahren ein letztes mal die Straße ab und plötzlich ruft der Mann „STOP!“
Ich halte an, er springt raus und rennt auf ein Bürogebäude zu. Er hämmert dort gegen die Tür. Ich schalte Motor und Taxameter aus und folge Ihn. Zu meiner Überraschung öffnet jemand, ein uniformierter Nachtwächter. Der Mann redet auf Ihn ein, doch der Nachtwächter versteht kein Wort. Er fragt mich:

– Was will er?

– Ich habe keine Ahnung, ich habe Ihn und seine Familie im Taxi hergebracht und weiß auch nicht was das alles werden soll…

– …warten Sie einen Moment

Der Wächter verschwindet im Gebäude inneren und kehrt kurze Zeit später mit einem Kollegen zurück. Sein Kollege fragt:  „arabian?“

Mein Fahrgast nickt erleichtert und es beginnt ein Gespräch auf arabisch. Erst jetzt betrachte ich dieses Bürogebäude genauer und mir fallen 2 Schilder auf. Auf dem einem steht „Außenstelle Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ und dem anderen „Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge“

Ich frage den Dolmetscher, was das ganze hier nun soll. Der Dolmetscher antwortet:
„Dieser Mann und seine Familie sind vor 2 Wochen aus Syrien geflüchtet, nachdem Ihr Haus zerstört wurde und sein Bruder von den Milizien ermordet wurde. Sie sind über die Türkei nach Europa gekommen und sind mit Zügen und Bussen nach Deutschland gekommen. Dann hat Ihn jemand nach Bremen, zu uns, geordert. Jetzt ist er hier und möchte einen Asylantrag stellen.“

Als sei das Wort Asylantrag ein Stichwort, beginnt der andere Nachtwächter die Einkaufstüten aus dem Kofferraum zu entladen. Offensichtlich ist die Fahrt hier tatsächlich zu ende und ich habe richtig getippt. Ich lasse den Dolmetscher nach meinem Fahrpreis fragen, woraufhin mein Fahrgast seine Geldbörse öffnet. Es ist nichts mehr drin. Ich ärgere mich: War ja klar, ich bin selbst schuld, ich hätte es schon am Bahnhof wissen müssen. Dann holt der Mann einen 20 Euroschein hervor. Es ist sein letzter Geldschein.
Vermutlich sein allerletztes Geld, nachdem er seine Heimat im Krieg verlassen musste, sein Bruder getötet wurde und er mit seiner Familie eine abenteuerliche 4000 Kilometer Reise zu uns genacht hat. Voller angst, erwischt zu werden und vor dem ungewissen Ausgang. Es ist schon verrückt … da bekomme ich dieses ganze Elend und die Flüchtlingsdiskussionen im Fernsehen und der Zeitung mit, aber das ist doch weit, weit weg in Syrien. Damit habe ich doch nichts zu tun, ich habe keinen Bezug dazu und
plötzlich mitten in der Nacht sitzen diese Menschen bei mir im Auto. Und jetzt soll ich noch Ihr letztes Geld annehmen?

Ich steige ins Taxi und schreibe „Fehlfahrt“ in meinen Fahrbericht.

# 42 – Schwules Taxi

Taxiplatz am Markt um 21:56 Uhr.

4 Erwachsene, bzw. 2 Ehepaare über fünfzig steigen ein. Die Ehemänner sichtlich betrunken. Ich ahne nichts gutes…

„Zeig mir dein Gesicht!“ lallt einer der Männer von der Rückbank. Ich ignoriere Ihn und frage die Frau auf dem Beifahrersitz nach der Zieladresse. Bevor Sie antworten kann, legt der Mann von der Rückbank nach: „Was laberst du meine Frau an?“

Beruhige dich„, antwortet die Frau

„Ich werd mich beruhigen, wenn er mir seine Fresse zeigt! Zeig mir dein Gesicht, sofort“
sagt er und versucht mich an meiner Schulter zu schütteln.

Laut, deutlich aber immernoch gelassen reagiere ich: „Sofort die Hand wegnehmen, noch so eine Nummer und es gibt hier keine Taxifahrt, verstanden?

– Ich kenne dich doch! Ich hab dich auf nem Fahndungsfoto gesehen! Die Bullen suchen dich, du hast doch die Tankstelle in Habenhausen überfallen! Ich rufe jetzt die Bullen!

„Thomas, verdammt nochmal beruhige dich!“, schaltet sich seine Frau ein.

– Ich kann mich nicht beruhigen! Entweder ist der Typ ein Räuber oder ne schwuchtel. Und ich hasse Schwuchteln. Schwule oder solche halbschwule! Diese Typen in schicken Klamotten, die rosa Zeugs tragen! Die sieht man doch schon überall! Auf der Straße, in der Politik und im Fernsehen! Alles gottverdammte schwuchteln!

Wenigstens verdienen Sie viel Geld damit… – antwortet seine Frau

– Ach weißte was? Ich verdien lieber wenig Kohle und bin dafür anständig und nicht einer
von diesen Schwulen! Übrigens, wir fahren nicht nach Hause, sondern zu dir, Hans! Was sagst du dazu? (fragte er den anderen Mann neben Ihn)

– Ne, für Heute reicht das schon – antwortet der gefragte

– Was, wieso? Das ist doch mal ne gute Idee! Und wir legen sogar einen drauf, wir tauschen die Frauen aus! Ich schlaf mit deiner und du mit meiner. Was sagt du Hans, ist doch mal ein nettes Abenteuer, oder?

Da wir immernoch am Taxistand stehen, schalte ich mich genervt ein und frage: „Ich würde erst mal wissen, wohin wir fahren?“

Meine Beifahrerin entgegnet genervt: „Nirgendwo hin! Wir nehmen uns ein anderes Taxi,
Thomas komm jetzt!“

– Umso besser, der Typ hier ist mir zu schwul, weißte was, mal dein scheiß Taxi am besten rosa an! Dann biste sofort erkennbar mit deinem schwulen Taxi!

Sprachs und steigt aus. Das andere Ehepaar, sichtlich eingeschüchtert nennt mir Habenhausen als Ziel. Die ganze Fahrt verläuft wortlos.

# 41 – Nur ein Drink in der Tittybar…

Mittwoch, 2:44 Uhr. Zwei Männer, mitte dreißig steigen am Taxiplatz „Discomeile / Stubu“ ein.

– Whats wrong with this Town? The Security from Stubu, don´t let us go in the club! Why?

– Hmm guys, i think you are to old for the stubu…

– To old? What the fuck, we are 34!

– Yeah, but its more for young people…

– Yes, I understand. It´s for the little bitches. OK, so what now?

– I dont know? What do you want?

– We want some fun!

– Fun in Bremen, at this day and at this time? Very difficult…

– We want fun! Can you bring us to a tittybar?

– Tittybar? Yeah, no problem…

An einer Tittybar angekommen werden knapp 10 Euro Fahrpreis fällig. Ich bekomme einen 20ger gereicht und werde gefragt: „Hey Mister Cab-Driver, we dont want go alone inside. Please come with us, we give you a drink, okay? We just want talk, and watch some tits, no sex, only a drink, okay?“

Angesichts der späten Uhrzeit und der mangelnden Perspektive an Aufträgen, entscheide
ich mich dafür. Drinnen angekommen werden wir von fast nackten Damen empfangen, die uns natürlich Gesellschaft leisten wollen.

Ich bekomme eine Cola spendiert und es beginnt etwas Smalltalk. Meine Fahrgäste kommen aus England und haben einen Geschäftstermin in Bremen. Und just in dem Moment, als die Damen sich zu uns setzen und Ihre Tarife für Sex aufsagen, endet das Gespräch abrupt.

Und ehe ich mich versehe, sind meine Fahrgäste mit Begleitung oben verschwunden 😉

# 40 – Missglückte Pizzalieferung

18:29 Uhr am Hauptbahnhof. Ein junger Mann mit Gepäck steigt ein und verkündet euphorisch:

– Fahren Sie mich nach Findorff, Ricarda-Huch-Straße! … Ach wie ich Bremen vermisst habe, es tut gut wieder hier zu sein

– Wie lange waren Sie denn nicht mehr in Bremen?

– Wegen der Arbeit war ich die letzten Monate in Bayern, meine Firma hat mich als Vertretung dorthin beordert. Eigentlich müsste ich da noch 3 Wochen absitzen, aber ich darf früher heimkehren!

– Werden Sie schon sehnsüchtig erwartet?

– Das will ich hoffen! Meine Freundin weiß noch gar nichts, das ist eine überraschung.
Die denkt, ich sitz noch in Bayern, das wird sie bestimmt umhauen, wenn ich gleich ankomme!

Wenige Minuten später, Ankunft in Findorff. Der junge Mann, zahlt den Fahrpreis, legt noch einen 10-Euro-Schein extra dazu und sagt: „Da wäre noch was. Ich weiß ja nicht, ob meine Freundin da ist, deswegen warten Sie hier, eventuell muss ich gleich weiterfahren. Geht das?“

Ich antworte: „Kein Problem, ich warte, 10 Euro reichen für ja locker für paar Minuten…“

Der junge Mann geht zum Wohngebäude und klingelt. Er wird auch sofort reingelassen.
Aber anstatt mir bescheid zu sagen, dass ich fahren kann, verschwindet er im Treppenhaus. Ich beschließe noch etwas zu warten. Nach wenigen Minuten kommt er wutentbrannt rausgestürmt. Fassungslos, nach Luft ringend, schreit er: „Diese Schlampe, das ist ja wohl ein schlechter Film hier! Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Ich steige aus und frage: „Was ist passiert?“

Er: „Was passiert ist? Das werden Sie nicht glauben! Ich gehe da hoch und da macht mir ein Typ die Tür auf. Und noch dazu hat er kaum was an! Ich frag Ihn, was er da macht und er fragt mich, ob ich seine Pizza bringe! Seine scheiß Pizza, das muss man sich mal vorstellen! Der dachte ich bin ein beschissener Pizzabote! Und dann stellt sich heraus, dass der Macker meine freundin vögelt! Die gottverdammte schlampe, mit der ich seit 2 Jahren zusammen bin bescheißt mich einfach dem! Das gibts doch nicht!“

# 39 – Momentaufnahme

Taxiplatz „Sielwall-Kreuzung“

Ich stehe als erster in der Taxischlange. Ich hasse diesen Taxiplatz, aber heute Nacht läuft das Geschäft hier sehr gut. Ich habe keine andere Wahl, ich muss hier stehen. Draußen regnet es vor sich hin. Trotzdem tobt das Leben um mich herum, es sind viele Leute unterwegs.

Ein Fahrgast hat eine Zeitung auf dem Rücksitz „vergessen“. Ich nehme Sie und überfliege die Meldungen:
Ein falscher Polizist hat in Hessen Mädchen mißbraucht.
Bereits 8 Raubüberfälle im Januar auf Geschäftsleute im Bremer Steintorviertel.
Minderjährige Flüchtlinge aus Rekum, terrorisieren weiterhin die Anwohner mit Raub und Diebstahldelikten. Politiker denken über geschlossene Heime nach.
Ein Rollstuhlfahrer wird von 2 Frauen in Osterholz mit einem Messer beraubt.

Die Storys bekräftigen meine Ansichten über diese Welt: Sie ist ein abgefuckter Ort.

Aber die Storys schreiben nicht über die Stadt, die ich vom Fahrersitz meines Taxis
aus durch die Fenster sehe. Ich fühle mich wie ein König in seiner Kutsche, der Regen,
die Lichter und die konstante Bewegung sind eine einzige Privatvorstellung nur für mich.

Ich wende meinen Blick auf die Umgebung: Müde gestalten taumeln im Neonlicht, ein betrunkener rennt vor die Straßenbahn der Linie N10 und wird fast von Ihr angefahren. Der Bahnfahrer klingelt wütend, der Betrunkene zeigt Ihm unbeeindruckt den Stinkefinger.

Direkt an der Kreuzung stehen die Drogendealer, die vorbeigehende Passanten unauffällig nach Gras fragen. Abundzu hat jemand interesse, die beiden verschwinden hinter einer Hofeinfahrt, Sekunden später geht man wieder getrennte Wege. Eine vorbeifahrende Polizeistreife hat alles gesehen, aber fährt unbeirrt weiter.

Eine junge Frau übergibt sich paar Meter weiter, Ihre Freundinnen halten Ihr die Haare fest, während der orangefarbene Mageninhalt auf die Straße plätschert. Eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher steht grölend daneben und feuert die Frau an.
Ihre Begleiterinnen kreischen „verpisst euch“.

An der Ecke in der Dönerbude gibts Stress, hysterische Jugendliche keifen, weil 2 Männer sich um eine Frau prügeln wollen. An der Ampel daneben hält ein tiefergelegter SLK, aus dem inneren tönt orientalische Musik.

Halb Zwei, meine Augen brennen. Ich wünsche mich gerade woanders hin, will mich diesem Elend nicht länger aussetzen.

Mir fallen die Filmzitate von Robert de Niro aus dem Film Taxi Driver ein:

„Wenn es dunkel wird, taucht das Gesindel auf: Huren, Betrüger, Amateurnutten, Sodomiten, Trinen, Schwuchteln, Drogensüchtiger, Fixer, kaputte Syphkranke. Ich hoffe […] eines Tages wird ein schwerer Regen kommen und den ganzen Dreck von den Straßen spülen. Die Spinner, die Freaks, die Gangster, die einem einfachen ehrlichen Mann das Leben zur Hölle machen. Aber mich kriegt ihr nicht klein. Mich nicht.“

Zwei Fahrgäste steigen ein. Ein älterer Mann und eine junge Frau. Ich vermute einen 25 Jahre Altersunterschied und es ist definitiv kein Vater-Tochter-Gespann. Sie sind beide stark alkoholisiert. Der Mann säuselt mir zu: „Ins IBIS-Hotel am Rembertiring“

Eine mickrige 4 bis 5-Euro-Tour. Es gibt Kollegen, die machen das nicht. Aber das ist okay, ich fahre überall hin, das macht mir nichts aus. Auf dem kurzen Weg dorthin höre Ich Ihn sagen: „Man was bin ich für ein Glückspilz. Da bin ich zum ersten Mal in Bremen und lerne so ein geiles Ding wie dich kennen, Ich freue mich auf das, was gleich kommt.

# 38 – Queen Mary 2

Funkauftrag zu einem Restaurant in der Neustadt. Eine Frau, ende zwanzig steigt ein und nennt eine Zieladresse in Habenhausen.

Sie sagt:

– Das werden wohl 12-13 Euro werden, stimmts?

– Ja, das kommt hin. Woher wissen Sie das, fahren Sie öfters?

– Ja, regelmäßig, weil ich nach der Arbeit zu kaputt bin um mit der BSAG zu fahren

– Arbeiten Sie in dem Restaurant?

– Ja, als Bedienung.

– Hm ok, sicherlich ist arbeiten in der Gastronomie kein Zuckerschlecken…

– Och naja, ich mach das hier erst seit kurzem und es ist kein Vergleich zu früher…

– Was haben Sie denn früher gemacht?

– (lacht) Der Name „Queen mary 2“ ist Ihnen ein Begriff?

– Das riesige Schiff? Sie machen Witze, haben Sie da gearbeitet?

– Ja, ich hatte da mein kleines Abenteuer für paar Monate…

– Was haben Sie da gemacht?

– Dort war ich auch Kellnerin

– Das muss doch aufregend sein auf so einem Schiff zu arbeiten, können Sie da etwas
erzählen?

– Naja, der Arbeitsplatz ist ungewöhnlich und faszinierend. Das Schiff ist riesig und ich habe es gar nicht mehr als Schiff wahrgenommen. Es ist vielmehr eine eigene kleine
Stadt. Die Stadt hat ein Theater, Kino, Discothek, Bibliothek, mehrere Resturants und Cafes. Und natürlich ein Casino, insgesamt 13 Decks! Sie ersten zwei Wochen habe ich mich ständig verlaufen, ich musste andauernd meine Kollegen nach dem Weg fragen.

– Und wie arbeitet es sich auf so einem Schiff?

– Das ist echte Knochenarbeit. Die Schichten gingen von morgens bis abends, immer 12 bis 15 Stunden, aber das war schon in ordnung, denn was soll man schon auf so einem Schiff anderes tun, außer arbeiten? Geld ausgeben kann man da natürlich auch, aber man will ja Geld verdienen. Es gab jedenfalls immer was zu tun und langeweile kam nicht auf. Gelegentlich, als das Schiff irgendwo anlegte, durften wir auch paar Stunden mit aufs Land gehen. Meine erste Station war Venedig, ach das war so romantisch! Da habe ich mich direkt in meine Arbeit verliebt. Danach ging es nach Lateinamerika und die karibischen Inseln. Aber auch Südamerika und Hawaii. Es war echt toll!

– Und warum haben Sie dann damit aufgehört? Ist der Arbeitsvertrag ausgelaufen?

– Nein, ich habe freiwillig aufgehört! Mir war die Sehnsucht nach meiner Familie zu groß
geworden, über Facebook bin ich mit denen immer im Kontakt gewesen aber das ist ja nicht dasselbe. Es war mein kleines verrücktes Abentuer und ich habe viel gelernt. Eine tolle Zeit, ich finde jeder im Leben sollte mal so eine Weltreise machen. Dann würden sich die deutschen nicht so viel über kleinigkeiten aufregen und einfach das Leben vielmehr genießen.