# 39 – Momentaufnahme

Taxiplatz „Sielwall-Kreuzung“

Ich stehe als erster in der Taxischlange. Ich hasse diesen Taxiplatz, aber heute Nacht läuft das Geschäft hier sehr gut. Ich habe keine andere Wahl, ich muss hier stehen. Draußen regnet es vor sich hin. Trotzdem tobt das Leben um mich herum, es sind viele Leute unterwegs.

Ein Fahrgast hat eine Zeitung auf dem Rücksitz „vergessen“. Ich nehme Sie und überfliege die Meldungen:
Ein falscher Polizist hat in Hessen Mädchen mißbraucht.
Bereits 8 Raubüberfälle im Januar auf Geschäftsleute im Bremer Steintorviertel.
Minderjährige Flüchtlinge aus Rekum, terrorisieren weiterhin die Anwohner mit Raub und Diebstahldelikten. Politiker denken über geschlossene Heime nach.
Ein Rollstuhlfahrer wird von 2 Frauen in Osterholz mit einem Messer beraubt.

Die Storys bekräftigen meine Ansichten über diese Welt: Sie ist ein abgefuckter Ort.

Aber die Storys schreiben nicht über die Stadt, die ich vom Fahrersitz meines Taxis
aus durch die Fenster sehe. Ich fühle mich wie ein König in seiner Kutsche, der Regen,
die Lichter und die konstante Bewegung sind eine einzige Privatvorstellung nur für mich.

Ich wende meinen Blick auf die Umgebung: Müde gestalten taumeln im Neonlicht, ein betrunkener rennt vor die Straßenbahn der Linie N10 und wird fast von Ihr angefahren. Der Bahnfahrer klingelt wütend, der Betrunkene zeigt Ihm unbeeindruckt den Stinkefinger.

Direkt an der Kreuzung stehen die Drogendealer, die vorbeigehende Passanten unauffällig nach Gras fragen. Abundzu hat jemand interesse, die beiden verschwinden hinter einer Hofeinfahrt, Sekunden später geht man wieder getrennte Wege. Eine vorbeifahrende Polizeistreife hat alles gesehen, aber fährt unbeirrt weiter.

Eine junge Frau übergibt sich paar Meter weiter, Ihre Freundinnen halten Ihr die Haare fest, während der orangefarbene Mageninhalt auf die Straße plätschert. Eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher steht grölend daneben und feuert die Frau an.
Ihre Begleiterinnen kreischen „verpisst euch“.

An der Ecke in der Dönerbude gibts Stress, hysterische Jugendliche keifen, weil 2 Männer sich um eine Frau prügeln wollen. An der Ampel daneben hält ein tiefergelegter SLK, aus dem inneren tönt orientalische Musik.

Halb Zwei, meine Augen brennen. Ich wünsche mich gerade woanders hin, will mich diesem Elend nicht länger aussetzen.

Mir fallen die Filmzitate von Robert de Niro aus dem Film Taxi Driver ein:

„Wenn es dunkel wird, taucht das Gesindel auf: Huren, Betrüger, Amateurnutten, Sodomiten, Trinen, Schwuchteln, Drogensüchtiger, Fixer, kaputte Syphkranke. Ich hoffe […] eines Tages wird ein schwerer Regen kommen und den ganzen Dreck von den Straßen spülen. Die Spinner, die Freaks, die Gangster, die einem einfachen ehrlichen Mann das Leben zur Hölle machen. Aber mich kriegt ihr nicht klein. Mich nicht.“

Zwei Fahrgäste steigen ein. Ein älterer Mann und eine junge Frau. Ich vermute einen 25 Jahre Altersunterschied und es ist definitiv kein Vater-Tochter-Gespann. Sie sind beide stark alkoholisiert. Der Mann säuselt mir zu: „Ins IBIS-Hotel am Rembertiring“

Eine mickrige 4 bis 5-Euro-Tour. Es gibt Kollegen, die machen das nicht. Aber das ist okay, ich fahre überall hin, das macht mir nichts aus. Auf dem kurzen Weg dorthin höre Ich Ihn sagen: „Man was bin ich für ein Glückspilz. Da bin ich zum ersten Mal in Bremen und lerne so ein geiles Ding wie dich kennen, Ich freue mich auf das, was gleich kommt.

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6 Gedanken zu „# 39 – Momentaufnahme

  1. Ich kenne viele Städte, Bremen ist „harmlos“. Nein, nicht provinziell obwohl wir ja in einem Dorf mit Strassenbahn leben. Ich fühle mich wohl in Bremen, hatte hier noch nie Stress (außer mit 2- 3 Taxifahrern *gg*)
    Und zum letzten Satz, ja so ist Bremen *gg* Also ihr lieben Touristen, kommt nach Bremen und habt Spaß:-)

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  2. Anfang der 90er habe ich am Rembertiring „angeschafft“! Damals habe ich es immer genossen, den Zauber des Nachtlebens in mich aufzusaugen. Wir trafen uns im Bell`s Little Pub auf der Brake oder im Schiggi Miggi um die Ecke beim Finanzamt.
    Am Sielwall war es schon immer so, wie du es beschreibst. Leider sterben viele alteingesessene Szenekneipen rund um die Kreuzung. Die Spelunken haben keine Chance gegen die modernen Trinkhallen. Schade!

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  3. Pingback: Die Sielwallkreuzung - Mein Ruhepol - LOVEBREMEN | Das Blogazine für die Hansestadt

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