# 30 – Nimm den Zehner und fahr!

4:07 Uhr

Winker in der Lüneburger Str. Ein stark alkoholisierter, älterer Herr steigt ein und
säuselt:

– Du lässt die Uhr aus, okay? (gemeint ist das Taxameter)

– Ne, das geht nicht, die machen wir an!

– Jetzt hör mir mal zu, du wicht! Keine Diskussionen, ich hab ne scheiß Nacht hinter mir,
hier hast du nen 10er und jetzt fährste mich ohne Uhr zur Georg Bitter Str

– Mit Uhr kostet die Fahrt aber nur 6 bis 7 euro…

ICH SAGTE KEINE SCHEIß DISKUSSION, NIMM DEN 10ER UND FAHR MICH JETZT DAHIN!

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# 29 – Theorie und Praxis

Bei einer Großveranstaltung werden Taxen gebraucht – Das ist in Bremen ein paar mal im Jahr der Fall. Die Bremer Sixdays, eine 6-tägige Radrennsport-Veranstaltung mit viel Party drumherum, ist eins dieser großen Events im Jahr. Tausende Besucher aus ganz Deutschland kommen in die Hansestadt und die meisten davon brauchen danach ein Taxi.

Der Veranstalter weiß das auch, deswegen wird vor der ÖVB-Arena ein riesiger Taxistand aufgebaut, mit mehreren Einweisern, die für Ordnung sorgen. Diese Einweiser bilden dann „Taxi-Warte-Reihen“ die dann der Reihe nach vorfahren. Ich war natürlich mittendrin im Zirkus, so sieht das ganze dann aus:

Sixdays

Der Ablauf ist einfach: Die Taxen warten in Ihren Reihen, am Ende des Platzes kommt ein Trichter und die Taxen fahren einzeln, brav hintereinander, zum Haupteingang vor. Dafür sorgt dann der Einweiser – Soweit die Theorie.

Trichter

In der Praxis, sah es dann irgendwann so aus: Hunderte wartende Fahrgäste wollten nicht am Haupteingang warten, gingen auf diesen Taxiplatz und stiegen dann willkürlich in die Taxen ein. Das sorgte natürlich für Unmut und Tumult unter den Kollegen. Anschließend war Chaos angesagt: Die Wartereihen als solche gab es nicht mehr, jeder versuchte sich
nach vorne zu drängen, es galt das Dschungel-Gesetz „wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Die Einweiser gingen im Tumult gnadenlos unter, es gab Hupkonzerte, abruptes anfahren & bremsen sowie wüste Beschimpfungen und Bedrohungen unter den Taxifahrern. Ich für meinen Teil, wollte nicht am Chaos teilhaben und hab mich einfach stumpf daneben
hingestellt und sah dem höllischen Treiben zu.

Nach wenigen Minuten kamen dann drei Männer auf mich zu und fragten nach einer Fahrt nach Wilhelmshaven. Wilhelmshaven liegt 100km entfernt, quasi eine lukrative Fernfahrt.
Nach kurzen Verhandlungen ging es für 120 Euro dorthin.

Das ganze erinnert mich an ein afrikanisches Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

# 28 – Dasselbe scheiß Spiel

Sonntag, 23:33 Uhr

Einsteiger am Taxiplatz „Brill“, ein junger Mann, mitte zwanzig.

– Einmal Bahnhof bitte

– Kein Problem, siehst müde aus. Kommst von der Arbeit?

– Ja

– Gastronomie?

– Ja…

– Harter Tag?

– O ja und wie! 15 Std Doppelschicht. Erst Sonntags-Brunch und dann das Abendgeschäft.

– Wie siehts denn in der Gastronomie mit dem Mindestlohn aus?

– Haben wir nicht. Deswegen schieb ich jetzt 15 Std Schicht. Chef hat gesagt: Wer 8,50 will, soll gehen. Das haben dann einige gemacht. Der Rest muss Doppelschichten schieben und bekommt falsche Stunden gutgeschrieben

– Und warum beibst du dann noch? Wie siehts aus bei anderen Gastro-betrieben?

– Dasselbe scheiß Spiel…

# 27 – Ein einfacher Bürger…

Winker im Viertel, vor einer Kneipe. Ein Mann, mitte vierzig, steigt ein und möchte in die Neustadt. Im Radio laufen im Hintergrund die Nachrichten zu den Vorfällen in Paris.

Der Mann hört zu und murmelt: „Diese verdammten Schweine…“

Da ich mir unsicher bin, ob er das zu mir sagt oder zu sich selbst, antworte ich nicht darauf. Mein Fahrgast spricht weiter:

– Also nicht, dass Sie jetzt falsch von mir denken, ich bin nichts rechts oder so! Ich bin auch kein Fan von diesem pegida-kram. Aber jetzt ist das Maß doch voll! Die kommen nach Europa, in unsere westliche Gesellschaft, mit anderen Werten und anderer Kultur! Wir sind noch so tolerant und bauen denen Moscheen von unseren Steuergeldern! Wo gibts in Syrien oder Türkei eine christliche Kriche von deren Steuergeldern! Wir geben scheißviel Geld für integration und den ganzen Scheiß aus und was machen die? Kommen mit Maschinengewehren und bringen uns um! Das kann doch nicht wahr sein!
Wissen Sie was? Es wird Zeit ein beschissenes zeichen zu setzen! Es ist mir egal für was diese Pegida steht, aber das ist wohl das einzige was hier Wirkung zeigt! Darüber spricht Deutschland! Da machen sich unsere feinen Politiker sorgen! Wenn es sowas in Bremen geben wird, geh ich da hin! Diese Moslems sollen ruhig mal sehen, dass wir das nicht länger akzeptieren!

– Das waren doch nur fanatische Einzeltäter…

– …jaja, damit fängt es doch an! Und dann nehmen sich andere ein Beispiel davon und es werden immer mehr! Wir müssen was unternehmen! Ein Zeichen setzen!

– Und indem Sie sich an Pegida-Märschen beteiligen, setzen Sie ein Zeichen?

– Ja, na klar! Die Islamisten setzen ein Zeichen, und wir setzen unser Zeichen! Gegen diese Islamisierung, die sollen mal ruhig wozu wir im Stande sind! Die lachen doch alle über uns, weil wir keine Stärke zeigen! Aber wenn tausende von uns auf der Straße marschieren, werden die angst kriegen und sich das zwei mal überlegen. Die wollen keine Demokratie, sondern Gewalt und Blut! Und wir werden Ihnen entgegentreten und genauso antworten! Der Kampf beginnt, das ist eine Kriegserklärung an uns und unsere Kultur! Und wir reagieren, so wie die es kennen: Auge um Auge!

– Sie sollten nicht aufgrund von Einzeltätern auf alle Moslems schließen. Diese Religion
ist friedlich und veruteilt solche Taten. Haben Sie die TV-Bilder nicht gesehen? Viele Moslems sind ebenfalls bestürzt und entsetzt. Sie beten für die Opfer. Sie können und dürfen nicht deswegen einen Kampf der Kulturen und Religionen schließen. So etwas gibt es nicht

– Neee, das ist schönrederei von Ihnen! Wir sind im Krieg! Sie reden so wie die Poltiker! Blablabla, von wegen wir sind ein offenes und tolerantes deutschland! Ich hab die schnauze voll! Ich bin ein einfacher Bürger, ich sage frei hinaus was ich denke und meine Freunde und bekannten denken genau so! Wir sind das Volk und lassen uns nicht einschüchtern.

– Und was wollen Sie tun? Marschieren? Muslime ausgrenzen? Sie in Lager stecken oder mit einem Stern kennzeichnen?

– Die gehören nicht zu uns! Das zeigen die ja schon mit ihren Kopftüchern und Kein-Schweinefleischverzehr! Deutschland den deutschen! Ich bin nicht rechts, aber garantiert denken Sie, dass ich jetzt rechts bin. Kommen Sie mir nicht mit dieser Hitler-sache, ich bin den 70gern geboren, ich kann nichts für die Geschichte! Ich muss mich für nichts schämen! Deswegen darf man seine Meinung nicht frei sagen? Aber irgendwann werden sich die Massen erheben und nicht mehr schweigen. Sie werden schon sehen, merken sie sich meine Worte! Ich bin nur ein einfacher Bürger! Ich bin einer von sehr, sehr vielen!

# 26 – Mindestlohn? Kommst du noch?

Seit knapp 1 Woche haben wir Ihn: Den gesetzlichen Mindestlohn.

Insbesondere im Taxigewerbe bedeutet das gravierende Änderungen. Denn bislang werden Taxifahrer vielerorts nur auf Provisionsbasis bezahlt. Auch in Bremen galt bislang eine Umsatzbezahlung. Oftmals hieß das, dass man für weit weniger als 8,50 Euro / Std gearbeitet hat.

Daher wurde der Mindestlohn mit Spannung erwartet – und viele Kollegen sind enttäuscht.
So wie ich das mitkriege, gibt es viele Unternehmer, die auch jetzt weiterhin nur die Umsatzprovision zahlen.

Ich persönlich bin auch betroffen: Mein Unternehmen hat mir angeboten, den Mindestlohn „auf Papier“ zu zahlen, aber in der Stunden-Abrechnung sollte getrickst werden. Daraufhin habe ich gekündigt und bin nun bei einem Unternehmen, wo alles richtig gemacht wird (das war aber gar nicht so einfach zu finden).

Über die Situation in Bremen berichten auch einige Medien:

ZDF Länderspiegel:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2314442/Die-Folgen-des-Mindestlohns#/beitrag/video/2314442/Die-Folgen-des-Mindestlohns

Weser Kurier:

http://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadtreport_artikel,-Taxifahren-in-Bremen-wird-teurer-_arid,1017510.html

TAZ.de:

http://www.taz.de/!152359/

# 25 – Der korrekte Taxifahrer-Test

Winker in Gröpelingen, beim Lindenhof-Center. 2 betrunkene Männer steigen ein und säuseln:

– Herr Taxifahrer, wir wollen da mal was fragen! Aber Sie müssen ehrlich sein!

– Kein Problem, probieren wirs einfach mal…

– Also! Wir wohnen in Walle! Und eigentlich wollen wir auch nach Walle! Es sei denn, am Bahnhof ist noch irgendwie was interessantes los, dann kannst du uns dahinfahren!
Also, was sagst du dazu?

An dieser Stelle, erkläre ich für den Nicht-Bremer die Kniffligkeit dieser Frage: Eine Tour nach Walle würde ca 8 Euro bringen, zum Bahnhof hingegen ca 14 Euro. Für mich als Taxifahrer wäre also der Bahnhof definitiv lukrativer und in dem Moment fällt es dann schon schwer so eine Frage mit der geforderten ehrlichkeit oder objektivität zu beantworten. Da ich aber nach dem Grundsatz „Ehrlichkeit währt am längsten“
taxifahre, antworte ich meinen Fahrgästen:

– Also Männers, ich war eben am Bahnhof und viel ist da heute nicht los. Paddys Pit hat
noch auf, aber sonst tote Hose.

– Alles klar, danke für die ehrliche Antwort! Du hast unseren Korrekten Fahrertest bestanden! Wir wohnen nicht in Walle, wir wohnen in Lilienthal, los gehts!

Und somit wurde aus der vermeintlichen 8 Euro-Fahrt, eine 40 Euro-Fahrt…

# 24 – Pech & Glück im Taxigewerbe

Einer der Gründe, warum ich das Taxifahren so mag ist das Glückspiel dabei – der Taxigott ist eine launische Hure, mal hat man als Taxifahrer echt glück: Tolle Touren, interessante Leute, schöne Trinkgelder, wenig Wartezeit. Manchmal aber auch das absolute Gegenteil inform von launischer Kundschaft, langen Stehzeiten und kurzen Touren.

Der letzte Montag war bezüglich des Glückspiels wahrlich extrem: Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester waren sehr ruhig – viel zu ruhig! Ich habe eigentlich gedacht, dass viele Menschen wegen der Ferien und der allgemeinen Urlaubszeit in der Bremer City unterwegs sein würden.

Am letzten Montag war wieder mal absolute Flaute angesagt – ich stellte mich daher
am Hauptbahnhof an und wartete…und wartete…und wartete.

Bislang habe ich nie länger als 1 Stunde am Bahnhof gestanden, an schlechten Tagen waren es auch mal 1,5 Stunden. Aber an diesem Montag erreichte ich erst nach fast 2,5 Stunden die erste Position. Entsprechend frustriert war ich schon drauf und dran das Taxi abzustellen und vorzeitig Feierabend zu machen. Mit einem ICE kam dann nach 22 Uhr eine wenig gesprächige Dame ins Taxi und wollte für ca 8 Euro nach Walle.

Absoluter Tiefpunkt. 18 Euro Umsatz in 3 Stunden, was quasi 6,30 Eur Verdienst bedeutete. Ein Stundenlohn von 2,10 Euro.

Nach dem Motto „nur nicht aufgeben!“ warf ich einen letzten Blick ins Smartphone und den Veranstaltungkalender: Im Pier 2 (Konzerthalle für 2000 Menschen) fand das Konzert „Subway to Sally“ statt. Wo ich schon in Walle war, könnte ja ein Abstecher zum Pier 2 nicht schaden.

Beim Pier 2 angekommen stellte ich fest: kein Taxi weit und breit. Was eigentlich nie vorkommt, weil bei Konzerten immer viele Kollegen sich dort bereithalten. Vielleicht war das Konzert auch schon zu ende? Bevor ich länger darüber nachdenken konnte, stieg auch schon ein Kunde ins Taxi. Eine Tour zum Hbf.

Unterwegs verriet er mir, dass das Konzert noch im vollen Gange war und ich dort sicher noch paar Touren kriegen könnte. Also fuhr ich danach wieder dorthin hin. Insgesamt 7 mal. Und jedesmal war kein Kollege vor Ort und jedesmal stieg mir nach max 30 sekunden ein Konzertbesucher ins Taxi. Weit nach Mitternacht war das Pier2 dann abgearbeitet, ich trieb mich völlig ziellos durch das Viertel rum und hatte wieder unglaubliches Glück: Winkende Fahrgäste am Straßenrand und das ganze dann auch insgesamt 6 mal.

Am Ende war es dann eine mittelmäßige Schicht, weil mich die Wartezeit am Bahnhof zu sehr ins Loch gerissen hat – Aber diese Schicht ist ein klarer Beweis dafür, wie sehr mal wieder Pech & Glück im Taxigewerbe beieinander liegen…

Ich wünsche euch übrigens (etwas nachträglich) ein FROHES NEUES JAHR!