# 36 – 2 Euro & Müll

Taxiplatz Goetheplatz um 2:32 Uhr

Das Viertel ist verlassen, es ist niemand mehr unterwegs. Alle Kneipen haben zu, Bremen schläft. Und während ich so über meinen schlechten Umsatz nachdenke und in erwägung ziehe mich vielleicht noch am Stubu anzustellen, kommt ein alter Mann, vermutlich obdachlos, mit einem Einkaufswagen voller persönlicher Habseligkeiten vorbei. Er hält an.

Er sieht in meine Richtung und schaut mir intensiv in die Augen. Er lässt den Einkaufswagen stehen und kommt an mein Taxi: „Entschuldigung, haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich? Oder 50 Cent?“

Ich mustere Ihn kurz: Er scheint einer dieser vielen obdachlosen oder bettler zu sein, die eher Lumpen statt Kleidung tragen und den Tag damit verbringen Geld für Alkohol zusammenzubetteln. Ein Klischee in einer normalen Stadt. Traurig, aber alltag.

Ich greife blind in meine Geldbörse und fische eine 2-Euro-Münze heraus. Ich gebe sie Ihn und er traut seinen Augen kaum. Seine Stimme überschlägt sich:

– Das ist doch viel zu viel, ich wollte doch nur paar Cent.

– Es ist schon okay, jeder von uns hat mal eine schlechte Phase im Leben

– Das ist sehr nett und großzügig. Wissen Sie, ich will eigentlich nicht viel im Leben. Mein einziger Wunsch kostet nichtmal Geld.

– Und was für ein Wunsch ist das?

– Das die Leute mich nicht wie ein stück Müll behandeln…Früher, da war ich…

Pause. Eine Gruppe junger Menschen nähert sich. Sie gröhlen und scheinen stark alkoholisiert zu sein. Sie sehen den Mann am Taxi und brüllen: „Alter Mann, hast noch billigen Fusel in deinem Bollerwagen? Gib mal was ab du alter Sack! Oder hast du noch paar Pfandflaschen über und willst damit taxifahren? Gib die Flaschen doch uns!“

Der alte nimmt hastig seinen Wagen und verschwindet rasch in den Wallanlagen. Die Gruppe amüsiert sich darüber und geht in die andere richtung weiter. Und ich sitze in meinem Taxi, während die Sitzheizung läuft.

Ich starte den Motor und fahre nach Hause.

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# 35 – Der letzte Wunsch

Eine ältere Dame steigt am Klinkum-Mitte bei mir ein. Die Fahrt verläuft gesprächslos an die Zieladresse und ich merke, dass irgendwas sie sehr bedrückt.

Vor Ihrer Haustür werden 12,40 Euro fällig, Sie kramt daraufhin eilig in Ihrer Handtasche.
Nervös sagt Sie:

– Es tut mir so leid, dass sie warten müssen, ich finde meine Geldtasche nicht

– Ganz ruhig, lassen Sie sich Zeit und schauen Sie in Ruhe nach

Nach einiger Zeit findet Sie die Geldbörse und verabschiedet sich. Bevor ich wieder losfahren will, sagt Sie noch mit Tränen in den Augen:

„Es tut mir leid. Wissen Sie, das ist alles zu viel für mich. Mein Mann liegt im Klinikum, die Ärzte sagen, dass er in 2-3 Tagen an seinem Krebs erliegen wird. Und dieser Idiot, wollte es die ganze Zeit nicht wahrhaben, er konnte das nicht glauben und hat es verdrängt. Er wollte, dass alles normal so weitergeht und das jeder so tut, als ob nichts sei. Und eben, ist bei Ihm der Groschen gefallen und möchte sich von seinen Kindern verabschieden. Wir haben 3 Kinder, die leben in Bayern, Dresden und in der Schweiz! Wie soll ich denn in so kurzer Zeit alle herholen? Warum fällt Ihm das erst jetzt ein, ich wollte das schon vor paar Wochen machen. Das ist doch unmöglich, ich würde Ihm so gerne diesen letzten Wunsch erfüllen, aber ich habe Angst, dass die Zeit nicht mehr reicht. Ich spüre es. Ich schaff das nicht. Und das macht mich schrecklich fertig.“

# 34 – Überflüssig

Walle, 1:02 Uhr

Während einer Fahrt mit einem Fahrgast, laufen im hintergrund die Nachrichten. Eins der Themen, ist das Projekt des Verkehrsministeriums, eine „Teststrecke für selbstfahrende Autos in Bayern“ zu bauen.

Mein Fahrgast hört interessiert zu und schmunzelt:

– Das ist doch echt Wahnsinn. Damals in den 80ger und 90gern, haben wir doch diese ganzen Zukunftsfilme geguckt: Da gab es selbstfahrende Autos und Roboter. Da haben wir doch gedacht, dass das niemals möglich sein wird. Oder wenn überhaupt erst in hunderten Jahren. Und jetzt? Jetzt gibts schon in USA selbstfahrende Autos, die erfolgreich getestet wurden. Und nun dieses Projekt in Deutschland. Wo das wohl hinführt?

– Och wissen Sie, wenn sich die Technologie so rasant weiterentwickelt, wird das wohl in 20 bis 30 Jahren Alltag werden.

– Ja, und dann? Dann braucht es keine Taxifahrer mehr. oder Busfahrer, LKW-Fahrer.
Das wird doch zu massiven Jobabbau führen…

– Das wird aber keinen interessieren. Hauptsache die milliardenschweren Konzerne können weiter sich die Taschen vollstopfen und solange die Politiker eine Scheibe vom Kuchen abkriegen, wird niemand etwas dagegen tun.

– Aber es wird doch nicht bei selbstfahrenden Autos oder Zügen bleiben! Sicherlich
wird es dann noch Roboter geben und dann sind ja noch ganz andere Berufe betroffen?
Verkäufer, Dienstleister, Pflegekräfte? O gott, das ist gruselig!

– Tja, wollen wir mal sehen, was so kommt…

– Am besten, gar nicht erst darüber nachdenken. Ich vermisse, die gute alte Zeit, wo ein Mann selbst eine Birne im Scheinwerfer tauschen konnte! Mittlerweile sind die Autos so verbaut, dass man das selbst gar nicht mehr hinbekommt. Ich konne mir überflüssig vor…und der Mensch an sich arbeitet immer mehr daran, alles und jeden auf der Welt überflüssig zu machen. Das macht mir echt angst! Wir zerstören uns selbst!

In eigener Sache…

Ich habe mal ein bisschen an meiner Seite rumgewerkelt, es gibt nun folgende Neuerungen:

– Die Seite ist nun auch über http://www.taxiblog-bremen.de erreichbar!

– Es gibt nun eine Unterseite „Infos zum Taxi“ Dort gibt es eine Übersicht über häufige Fragen die rund ums Taxi entstehen. Zum Beispiel „Muss ich am Taxistand immer das erste Taxi nehmen?“ oder „Kann ein Taxifahrer kurze Fahrten ablehnen?

– Die Seite „Mitfahren“ wurde etwas umgestaltet. Wenn Ihr in Bremen mal mit meinem Taxi fahren wollt, dann freue ich mich dort über eure Kontaktaufnahme!

Schönes Wochenende!

# 33 – Normaler Schultag

Früher Abend, mich erreicht ein Funkauftrag in der Innenstadt.

Eine Mutter steigt mit einem ca. 12-jährigen Jungen ein. Als Zieladresse wird mir eine feine Straße in Oberneuland genannt. Eine jener Straßen, mit eigenen langen Grundstückszufahrten, hohen Mauern und Anwohnern, mit 6 oder 7-stelligen Eurobeträgen
auf dem Konto.

Nach einigen Minuten fragt der Junge:

– Mutter, ich bin sehr erschöpft. Ist es möglich, dass Ich gleich nicht mehr am Abendessen teilnehme, sondern mich zurückziehe?

– Ja, das können wir so machen

Merkwürdiger Dialog. Merkwürdige Menschen auf meiner Rückbank. Ich fühle mich unwohl und würde jetzt lieber mein normales Klientel im Taxi haben: Betrunkene, Drogendealer, freundliche Senioren.

Stattdessen steinreiche Mutter mit Kind. Ich vermute, dass solche Fahrgäste mit einem „einfachen Taxifahrer“ nicht reden möchten, aber trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen und ich stelle die Frage: „Langer Tag heute?“

Die Mutter mustert mich argwöhnisch und antwortet: „Nein, eigentlich nicht. Ein normaler Schultag für meinen Sohn. Anschließend Chinesischunterricht, Klavierunterricht sowie
zum ausgleich etwas Badminton.“

Ich weiß nicht was ich darauf antworten soll und richte meinen Blick wieder auf die Straße…

# 32 – Eierlos und ohne Taschengeld

2:26 Uhr

Einsteiger am Taxiplatz „Marktplatz“, ein betrunkener Mann, ende dreißig steigt ein.

– Ich hab nur 10 Euro…

– Und wo solls hingehen?

– Lehe!

– …das passt nicht

– Ich weiß, ich weiß! Und jetzt?

– Hier um die Ecke ist ne Sparkasse und ne Volksbank, hol noch einen 10er und dann können wir fahren

– Ne, nix da! Meine Frau rastet sonst aus. Die dumme Schlampe verdient viel mehr als ich und deswegen hat sie die Kontrolle über die Finanzen! Und ich laufe jetzt deswegen ohne Geld und gewissermaßen auch ohne Eier durch die Gegend!

– Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Frau wegen 10euro fürs Taxi schimpfen wird…

– O doch das wird sie! Ich, als eierloser Mann, bekomme nur Taschengeld! Das ist aufgebraucht und alles andere ist Ihr egal! Fahr mal richtung Lehe wenn die 10euro erreicht sind, schmeißt du mich raus!

# 31 – Gras-Express

Funkauftrag nach Huchting, ein junger Mann (anfang zwanzig) steigt ein. Er nennt mir seine Zieladresse und ich fahre los. Nach kurzer Zeit rieche ich den intensiven, exotischen, süßlichen Duft von Marihuana.

Ich gucke meinen Fahrgast an und räuspere mich:

– Ähm, es geht mich nichts an … aber kann es sein, dass du Gras geraucht hast oder
du welches bei dir hast?

– Scheiße bruder, woher weißt du das? Kennst du mich?

– Nö, aber das ganze Taxi riecht nach dem Zeug…

– Oh, sorry, ich merk den Geruch gar nicht mehr. Aber du willst jetzt keinen stress machen und die Bullen rufen oder so?

– Ich hab nichts gesehen, deswegen wird auch keiner gerufen…

– Oh, das ist korrekt von dir Bruder! Soll ich dir mal mein System verraten?

– Na los, erzähl!

– Die Bullen in Huchting, die kennen mich! Die kennen mein Auto, die kennen mein Gesicht, die halten mich ständig an. Deswegen transportier ich mein Zeug jetzt mit dem Taxi. Die Bullen interessieren sich nicht für Taxis, ist doch genial, oder? Das nenne ich
Gras-Express mit System!