# 7 – Unbestechlich

Funkauftrag nach Walle. Der Fahrgast, männlich, mitte vierzig, steigt ein und mustert mich.

Du bist neu!

Richtig…

– Ich fahre oft und kann mir Gesichter gut merken.

– Das freut mich, dann werden wir uns wohl öfters sehen. Wo darf es denn Heute
hingehen?

– Fahr mal in die Liegnitzstr, weißte wo die ist?

– Ja, kein Problem.

– Und wie fährt es sich so, machts spaß?

– Ich kann nicht klagen, ich lerne viele neue Dinge kennen

– Ach, blödsinn, du hast ja keine Ahnung. Das ist hier alles Abschaum und Müll.
Betrunkene Idioten, Diebe, Gauner, Betrüger, Zuhälter, Freier, Nutten. Für welches Bordell
fährst du?

– Wie meinen Sie das?

– Wenn ich jetzt in den Puff will, in welchen würdest du mich bringen?

– In gar keinen bestimmten, einfach in den nächstgelegenen, der mir einfällt und den ich schon kenne

– Völlig falsch, du Amateur! Es gibt hier einige die zahlen pro Freier gute Provision!

– Ja, na und? Das können die doch gerne machen, ich will damit nichts zu tun haben.

– Bist du bescheuert? Die geben dir Kohle für Lau, das ist geschenkt, du musst doch nur zugreifen!

– Das mag ja sein, aber das ist für mich eine Form von Bestechung, ich mache das nicht mit

– Pah, so naiv! Alle machen das…

– Wie Sie sehen, nicht jeder.

– O man, mit der Welt geht es zu schon echt zu ende, wenn es schon ehrliche, unbestechliche Taxifahrer gibt!

# 6 – Nachtfahrten

Dienstag, 23:28 Uhr

Am Taxiplatz Goetheplatz steigt ein Mann ein. Er trägt teure Designerklamotten und will nach Oberneuland. Die Zieladresse ist eine Straße mit teuren Villen, langen Einfahrten und umzäunten, gesicherten Grundstücken.

Nach einigen Minuten fragt er:

– Darf Ich Sie mal was fragen?

– Natürlich

– Sie fahren nur Nachts?

– Ja

– Wie ist das so?

– Wie meinen Sie das?

– Naja, ich meine Nachts arbeiten. Warum tut man sich das an? All das besoffene Pack und so…ist doch tagsüber bestimmt besser

– Nachts fährt es sich deutlich angenehmer und entspannter. Kein Verkehr, keine Stau, freie Fahrt, kein anstehen an roten Ampeln.

– Ja, aber was ist mit den Leuten?

– Ach wissen Sie, die Leute sind Nachts besser drauf. Nachts, lernt man die Stadt und die Einwohner richtig kennen. Die Menschen verhalten sich Nachts anders. Sie sind natürlicher, was auch für die Stadt gilt. Es ist alles realer als tagsüber. Tagsüber, sieht man die ganzen Leute mit Ihren Anzügen. Alle sind schick und elegant, man achtet auf äußerlichkeiten. Alle hetzen zum nächsten Termin und stehen unter Druck. Letztens stand ich mittags bei Lidl in in einer langen Wartereihe vor der Kasse. Als waren genervt, ungeduldig und zappelten herum. Als ich einige Tage später um 22 Uhr bei REWE stand, gab es eine ähnlich lange Schlange. Aber irgendwie war die Stimmung ausgelassener, die wildfremden Menschen lächelten sich sogar an. Ich weiß nicht, woher dieser Druck kommt, dass es tagsüber immer so schnell gehen muss. Außerdem ist vieles so oberflächlich und falsch. Man lügt sich an und verstellt sich. Und Nachts? Da ist jeder so, wie er ist. Die Leute sind entspannter und nehmen sich für alles viel mehr Zeit. Man lernt die Menschen von Ihrer echten Seite kennen. Und die echte Seite gefällt mir besser, als die Fassade am Tag. Die echte Seite kann auch manchmal häßlich sein, aber immerhin ist sie ehrlich und zeigt das wahre Ich.

# 5 – Sie wollen alle nur das eine…

Dienstag, 4:19 Uhr

Funkauftrag zu einer Gaststätte in Gröpelingen. 2 torkelnde Gestalten, eine Dame um die 60, ein Herr um die 50, setzen sich ins Taxi.

Er säuselt:

– Fahren wir zu dir, nimmste mich mit hoch?

– Jou Schatzi, alles was du willst. Aber sagma haste noch kohle für das taxi?

– Klar doch!

– OK, kutscher, fahr uns in die Kornstraße!

Unterwegs in die Neustadt, fingen die beiden an rumzuknutschen, was aufgrund des Alkoholpegels, mehr oder weniger gelang. Irgendwann gaben sie es auf und er sagte:

war nett dich kennengelernt zu haben. Aber sachma eben, wie heißte denn?

– Schatzi, das haste mich schon 4 mal gefragt, ich bin die Rosi!

– Ok, tschuldige, mit Namen hab ich das nicht so

– Macht nix, hab deinen auch vergassen…

– Bin der Peter!

– Peter ist super! Ich glaub mit nem peter hab ich noch nie was gehabt!

– Irgendwann ist immer das erste mal

Beide kichern, dann schweigen.

Wenige Minuten später, ankunft in der Kornstr.

Schatzi, bezahlste das jetzt? Ich muss mal, ich geh dann!

– Jaja, mach ich, ich komm sofort nach!

– Wie jetzt?

– Na, zu dir nach oben, haste doch eben gesagt!

– Neee, lass mal lieber. Tschüüüüss!

Rosi geht ins Haus, Peter schaut mich geknickt an und murmelt:

„Ach scheiße, das ist jetzt das 7. mal. So langsam glaub ich, die wollen alle nur meine Kohle!“

# 4 – Ich leg mich mal eben hin

Montag, 5:37 Uhr

Ich wollte das Taxi abstellen, als ich im Steintor, vor einem Pub einen Winker sah. Ein Mann, mitte 50, stieg an und säuselte:

– Nach Hause in Gröpelingen!

– Wo genau?

– Sag mir erst wie spät es ist!

– Öhm….5.37 Uhr, wieso?

– Ohhhh, scheiße. Das ist schlecht!

– Warum?

– Meine Frau geht gleich zur Arbeit!

– Und jetzt? Nach Hause oder nun nicht?

– Es ist alles verloren! Ist jetzt eh egal! Besser ist es, wenn Ich erst später komme, wenn die alte weg ist!

– Naja, wenn wir jetzt direkt nach Gröpelingen fahren, kommen wir da wohl gegen 6 an…

– Ne, das ist zu früh! Weißte was, fahr mal irgendwo hin. Liefer mich um 6.15 Uhr am schwarzen Weg ab. Ich leg mich mal eben hin! Nur nimm gerade Straßen, nix mit Kreisverkehr oder scharfen Kurven! Gute Nacht!

# 3 – Rückkehr aus der Spielo…

Sonntag, 3:40 Uhr

Am Taxiplatz Langemarckstr. stieg ein junger Südländer ein. Er schien schlecht gelaunt und sagte:

Jo, fahr mal die Woltmershauser Str. entlang. Ich sag dir bescheid wenn du mich rauslassen kannst, hab nur 8 Euro.

– Kein Problem. Hast du dein restliches Geld heute Abend beim feiern gelassen?

– Ne, ich geh nicht feiern. Ich war in der Spielothek

– Und, wie liefs?

– Lief scheiße. Wie jedes mal!

– Bist du oft da?

– Ich bin stammkunde in der Spielo. Jeden Tag da. Digga, wir haben heute erst den 9.
und ich hab schon keine Kohle mehr für den Rest des Monats!

– Wieviel hast du denn schon verzockt?

– Heute Abend 300 Euro!

– Das ist übel. Vielleicht einfach weniger zocken?

– Ne, das geht nicht, bin spielsüchtig. Ich komm von der scheiße nicht weg.

– Aber wenn du spielsüchtig bist, dann erkennst du dein Problem selbst an. Ist doch schonmal gut.

– Ne, ist nicht gut, ich weiß das ich süchtig bin, aber kanns nicht ändern. Ich wills
auch nicht ändern. Irgendwann knack ich den Jackpot!

– Klingt nicht nach einem superplan…

– Na ist auch egal, halt mal hier an!

– Warum, wir sind doch grad bei 5,80 EUR?

– Halt mal an. Hier nimm meine 8 Euro, behalt den Rest. Du bist voll korrekt, danke dir!

# 2 – Cooler Radiosender

“ Cooler Radiosender. Was für einer ist das?“ fragte ein junger Mann, den ich
am Hauptbahnhof eingesammelt habe.

– Der Sender heißt Bremen Vier. Ganz normaler Sender halt…

– Ne, ne Ihr spielt hier in Bremen andere Mukke im Radio

– Wo kommst du denn her?

– Aus Berlin! Und in der Hauptstadt hörste im Radio ganz andere Beats. Alles muss immer aktuell und modern sein. Das gilt auch fürs Partymachen!

– Wie meinst du das?

– Wenn du in Berlin feiern gehst, musst du dich als Club oder Diskobetreiber unheimlich in Zeug legen um die Gäste zu kriegen! Du musst dich da irre bemühen und ausgefallener sein, als der Rest. Und du musst immer den angesagtesten Shit aus der Musikszene auflegen. Mit normaler Musik kommste nicht weit.

– Und hier in Bremen?

– Ich war letztens im Modernes. Ganz normale Lieder hat der DJ augelegt. Sogar aus den 80gern und 90gern! Und die Lichteffekte waren auch ganz schlicht. Trotzdem ging die party voll ab und es machte echt Spaß. In Berlin wären sich da alle zu cool dafür, wäre ja viel zu peinlich! Ihr Bremer seit schon zu beneiden!

– Inwiefern?

– Ihr gebt euch mit den einfachen Dingen zufrieden und braucht nix ausgefallenes!

# 1 – Dorf mit Straßenbahn

Sonntag, 20:14 Uhr

Als ich aus Walle zur Stadtmitte fuhr, entschied ich spontan einen Abstecher über die Überseestadt zu machen. Sofern ich es richtig in Erinnerung hatte, ging gerade im Variete-Theater die Aufführung zu ende. Vielleicht potenzielle Kunden?

Als ich entlang der Straßenbahnlinie 3 fuhr, fiel mir an einer Haltestelle ein junges Pärchen auf – beide bewaffnet mit Stadtplan, studierten gerade den Fahrplan.

Ich hielt an und fragte:

– Wollt Ihr in die Stadt?

– Ja, ein Bier trinken

– Für knapp 10 Euro könnt Ihr bei mir fahren, die Bahn kommt erst in 15 Minuten.

Das war überzeugend, dankbar nahmen Sie das Angebot an und wollten ins „viertel“

Ich fragte:

– Ihr seid Touristen?

– Ja, wir kommen aus der Schweiz

– Das erste mal in Bremen?

– Ja, wir wohnen im Steigenberger

– Und wie lange bleibt Ihr?

– Wir sind Heute gekommen und fahren schon morgen.

– So kurz nur?

– Wir machen mit anderen eine Rundreise. Täglich eine andere Stadt.
Vorgestern Hamburg, gestern Hannover, heute Bremen

– Und wie ist der Eindruck von Bremen?

– Sensationell!

– Und im Vergleich zu den anderen Städten in denen Ihr schon wart?

– Also um ehrlich zu sein ist Bremen das beste! Hamburg ist auch toll, aber viel zu groß
und anonym. Hannover ist gefühlt nur eine graue Betonlandschaft. Und Bremen? Ist auch
groß, aber alles scheint so greifbar zu sein. Eine wirklich tolle Stadt.

– Das freut mich zu hören. Wir Bremer sagen zu der Stadt „Bremen – Das Dorf mit Straßenbahn“

– Oja, das passt wirklich genau!

Willkommen…

Manchmal kommt es eben anders als man denkt. So auch bei mir, in beruflicher Hinsicht.

Seit kurzem bin ich ein Taxifahrer in Bremen. Das war nie mein Plan, nie mein Wunsch, aber wie das Leben so spielt bin ich nun einer. Es hat sich bei mir irgendwie ergeben.

Taxifahren ist eigentlich ein ganz lässiger Job. Und weil das taxifahren so unglaublich vielseitig, abwechslungsreich und abenteuerlich ist, ergibt sich daraus viel Stoff zum erzählen.

Das Leben schreibt täglich neue Geschichten und der Mensch neigt dazu vieles zu vergessen – deswegen notiere ich mir einige Erlebnisse inform dieses Blogs.