# 6 – Nachtfahrten

Dienstag, 23:28 Uhr

Am Taxiplatz Goetheplatz steigt ein Mann ein. Er trägt teure Designerklamotten und will nach Oberneuland. Die Zieladresse ist eine Straße mit teuren Villen, langen Einfahrten und umzäunten, gesicherten Grundstücken.

Nach einigen Minuten fragt er:

– Darf Ich Sie mal was fragen?

– Natürlich

– Sie fahren nur Nachts?

– Ja

– Wie ist das so?

– Wie meinen Sie das?

– Naja, ich meine Nachts arbeiten. Warum tut man sich das an? All das besoffene Pack und so…ist doch tagsüber bestimmt besser

– Nachts fährt es sich deutlich angenehmer und entspannter. Kein Verkehr, keine Stau, freie Fahrt, kein anstehen an roten Ampeln.

– Ja, aber was ist mit den Leuten?

– Ach wissen Sie, die Leute sind Nachts besser drauf. Nachts, lernt man die Stadt und die Einwohner richtig kennen. Die Menschen verhalten sich Nachts anders. Sie sind natürlicher, was auch für die Stadt gilt. Es ist alles realer als tagsüber. Tagsüber, sieht man die ganzen Leute mit Ihren Anzügen. Alle sind schick und elegant, man achtet auf äußerlichkeiten. Alle hetzen zum nächsten Termin und stehen unter Druck. Letztens stand ich mittags bei Lidl in in einer langen Wartereihe vor der Kasse. Als waren genervt, ungeduldig und zappelten herum. Als ich einige Tage später um 22 Uhr bei REWE stand, gab es eine ähnlich lange Schlange. Aber irgendwie war die Stimmung ausgelassener, die wildfremden Menschen lächelten sich sogar an. Ich weiß nicht, woher dieser Druck kommt, dass es tagsüber immer so schnell gehen muss. Außerdem ist vieles so oberflächlich und falsch. Man lügt sich an und verstellt sich. Und Nachts? Da ist jeder so, wie er ist. Die Leute sind entspannter und nehmen sich für alles viel mehr Zeit. Man lernt die Menschen von Ihrer echten Seite kennen. Und die echte Seite gefällt mir besser, als die Fassade am Tag. Die echte Seite kann auch manchmal häßlich sein, aber immerhin ist sie ehrlich und zeigt das wahre Ich.